Reisetagebuch E.H.

Pyrenäen

27.08 - 04.09.2016

Kompakt

Den Tagen in Barcelona folgte eine Wanderwoche in den Pyrenäen. Ich reiste dazu mit dem Mietwagen nach Laspuña, einem kleinen Bergdorf im Norden Aragoniens unweit der Landesgrenze zu Frankreich und unmittelbar am Ordesa-Nationalpark (Parque Nacional de Ordesa y Monte Perdido) gelegen. Unsere Mini-Wandergruppe (3 Personen) wurde von Miquel, einem einheimischen, kompetenten Tourenführer, betreut. Innerhalb von 7 Tagen unternahmen wir 6 teils anspruchsvolle Bergtouren im Nationalpark bzw. eine Tour im Naturpark Sierra de Guara, südlich der Pyrenäen. Auf der „Königsetappe“ im Pineta-Tal waren wir fast 8 Stunden (22 km, 1200 Aufstiegshöhenmeter) unterwegs. Am Abend wurde uns dann in unserer Pension Casa Sidora in Laspuña ein landestyisches Menü serviert. Am einzigen „freien“ Tag schaute ich mich im nahegelegenen Touristenstädtchen Aínsa um. Bei den Wanderungen lernten wir die schroffe Pyrenäen-Bergwelt mit tiefen Schlüchten, senkrechten Felswänden und einer alpinen Flora, die auch im Spätsommer noch viele Blüten zeigte, kennen. Besonders beeindruckte uns aber der ruhige Flug der mächtigen Geier zwischen den Felswänden.

1. Tag: Cañón de Añisclo (9,5 km, +590 / -590 Höhenmeter)

Als Einstiegstour wählte unser Wanderführer den Cañón de Añisclo aus. Dies ist eine gewaltige Felsschlucht, die unweit von unserem Dorf Laspuña endet. Inmitten dieser imposanten Bergwelt sind immer wieder Reste der uralten Besiedlung zu sehen. Am Ende der Runde kommen wir an der alten romanischen Brücke Puente San Urbano, die den Rio Vellos überspannt, und an der Felsenkirche San Urbano, die das Ziel einer jährlichen Romeria (Pilgerfahrt) ist, vorbei.

2. Tag:  Vormittag: Revilla (5 km, +240 / -240 Höhenmeter), Nachmittag: Sierra de Guara (6 km, +240 / -240 Höhenmeter)

Am Vormittag fahren wir in das kleine Bergdorf Revilla hinauf. Hier am Rande des Nationalparks wolllen wir die Geier beobachten. Doch die Wolken hängen tief, bald fängt es auch an zu regnen.

Unser Wanderführer Miquel schlägt daher vor, dass wir die Region verlassen und den Naturpark Sierra de Guara südlich der Pyrenäen besuchen. Nach ca. 50 Autokilometern ist unser Ausgangspunkt erreicht. Doch wir schauen zunächst auf verbrannte Erde: Vor ca. einem Monat hat ein Waldbrand hier viele Hektar Naturpark zerstört. Unser erstes Ziel am Tage ist die Tozal de Mallata. Nach ca. 30 min stehen wir am Aussichtspunkt und schauen auf eine interessante Landschaft. Die Erosion hat große Höhlen in die Felswände „gefressen“. Hier brüten Geier, die wir auch ständig in der Luft sehen. Unmittelbar am Ort befinden sich aber mehrere vergitterte Höhlen, an deren Wänden mehrere 1000 Jahre alte Wandmalereien zu sehen sind.

Am Nachmittag wandern wir zum Rio Vero hinunter und steigen in den Cañon del Vero ein. Im Frühjahr benötigt man Canyoning-Ausrüstung und Seilsicherung. Doch jetzt im Spätsommer führt der Rio Vero nur wenig Wasser. So können wir mühelos in große Felsendome steigen, die Felswände und die über uns kreisende Geier bestaunen. Unser Weg zurück führt auch noch an einer verlassenen Wassermühle vorbei...

3. Tag: Balcon de Pineta (15 km, +1330 / -1330 Höhenmeter)

Das Pineta-Tal schließt den Nationalpark Ordesa im Nordwesten ab. Es ist ein breites Tal, das im Süden von fast senkrechten Felswänden begrenzt wird. An zwei Tagen fuhren wir mit unserem Fahrzeug bis zum Wanderparkplatz am westlichen Talschluss. Ziel unserer ersten Tour im Pineta-Tal war der Balcon de Pineta. Vom Parkplatz auf 1280m Höhesteigt man kontinuierlich bergan. Die ersten 300 Höhenmeter führen durch Mischwald. Dann folgen noch 900 Höhenmeter im Geröll-Zickzack ohne Schatten. Doch schließlich steht man auf dem „Balkon“ und schaut nach Osten in das Pinetatal. Im Süden liegen die Hauptgipfel der Region: Monte Perdido (3.355 m, dritthöchster Berg der Pyrenäen) und Cylindre (3.327m). Vor beiden liegt einer der wenigen verbliebenen Pyrenäen-Gletscher. Es ist der Perdido-Gletscher mit einer Frontbreite von etwa 750 Metern und reicht von 2.700 bis 3.250 Meter. Auch der Blick zu den umliegenden Kalksteingipfeln mit unterschiedlicher Farbe ist sehr interessant. Nach einer ausgiebigen Rast steigen wir dann wieder ab. Drei Stunden später stehen wir dann ziemlich geschafft an unserem Fahrzeug. Insgesamt waren wir bei dieser 15 km-Bergwanderung fast 8 Stunden, natürlich mit größeren Pausen, unterwegs.

4. Tag: Ruhetag

In den Pyrenäen sind faktisch alle europäischen Raubvögel heimisch. Als „Normal“-Wanderer bekommt man aber Adler, Milan, Uhu und Falke selten zu sehen. Anders verhält es sich mit dem Geier, genauer gesagt dem Gänsegeier (Buitre leonado). Diese großen Vögel (Flügel-Spannweite bis 2,45 m) konnten wir oft beim Segelflug zwischen den senkrechten Felswänden der Pyrenäen, aber auch in der Sierra de Guara beobachten. An unserem Ruhetag haben wir die Gelegenheit, eine Gruppe Gänsegeier aus ziemlicher Nähe (< 100 m) zu beobachten. Dabei entstanden die Fotos dieser Seite. Den noch größeren Bartgeier (die Rückübersetzung des spanischen Namen Quebrantahuesa heißt „Knochenbrecher“) bekamen wir in der Natur nicht zu sehen, obwohl es in den Pyrenäen im Gegensatz zu den Alpen, wieder eine stabile Population von Bartgeiern leben.

Am Nachmittag fahre ich in das nahegelegene Touristenstächtchen Aínsa. Der Ortskern befindet sich auf dem Burgberg. Das Bild um den großen Hauptplatz wird durch Arkadenhäuser aus Stein sowie den wuchtigen gotischen Kirchturm geprägt. An die Kirche ist auch ein Kreuzgang angeschlossen. In einem wieder entstandenen Teil der Burg befindet sich das Ökomuseum. Die Stiftung zum Schutz der Bartgeier (Quebrantahuesos) ist hier untergebracht. Eine Aufzuchtstation für Wildvögel, die in der Natur nicht mehr überleben könnten („Vogel-Hospiz“), ist dem Museum angschlossen.

5. Tag: Valle de Ordesa (20 km, +1020 / -1020 Höhenmeter)

Das Ordesa-Tal ist das berühmteste Tal des Nationalparks. Es liegt diametral zum Pineta-Tal auf der Westseite des Monte Perdido. Nach 40 km –Autoanfahrt bis zum Ort Broto bringt uns der Shuttlebus in den Nationalpark hinein. Am Vormittag steigen wir im Wald-Zickzack 700 m auf und stehen dann auf einem befestigten Felsvorsprung. Wir genießen mit vielen anderen Wanderern den Blick ins Tal und zu den gegenüberliegende Felswänden. Nach der Pause folgt Genusswandern, denn wir bleiben mehrere Kilometer in der Höhe von ca. 2.100 m. Am Wegesrand sehen wir neben vielen anderen alpinen Pflanzen auch mehrfach das Edelweiß. Bald sehen wir den Talschluss mit Monte Perdido und dem Cola de Caballo (Pferdeschwanz-Wasserfall), der jetzt aber nur wenig Wasser führt. Am Nachmittag wandern wir im Tal zurück, steigen dabei neben den Wasserkaskaden ab und erreichen nach ca. 6 Stunden den Parkplatz.

6. Tag: Llanos de La Larri (8,2 km, +420 / -420 Höhenmeter)

Am vorletzten Tag fahren wir noch einmal in das Pineta-Tal hinauf und unternehmen eine Panoramawanderung zu den Llanos de La Larri, einer Hochebene in 1.600 m Höhe. Dies ist eine Genuss-Wanderung pur mit vier Wasserfällen, einem lieblichen Hochtal (1.600 m, Kuh- und Pferdeweiden), traumhaften Aussichten auf das Pinetatal und das Monte Perdido-Massiv.

7. Tag: Valle de Gistain (10,5 km, +670 / -330 Höhenmeter)

Das Gistaín-Tal liegt außerhalb des Ortesa-Natinalparks und deshalb gibt es hier auch mehrere kleine Siedlungen.Unser Wanderweg startet neben der Straße unterhalb des Dorfes Plan. Nach ca. 200m Aufstiegshöhe schauen wir dann auf den Speichersee Plandescún hinunter. Der Wanderweg führt danach zwischen zwei Felsgruppen durch. Unter uns liegt nun das idyllische Dorf Serveto, zu dem wir absteigen. Der Ort ist sehr gepflegt, in den Vorgärten oder hinter den Häusern wächst dank Bewässerung üppig Gemüse, Blumen schmücken die Häuser. Unterhalb des Dorfes wurde für die Dorfgemeinschaft ein neues Wäschehaus errichtet. In der Mittagshitze führt uns dann der Weg aus dem Tal heraus. Bald schauen wir wieder in das Tal des Cinqueta-Flusses hinunter. Auf einem alten Weg, der durch Trockenmauern gesichert ist, wandern wir dem Tagesziel Gistain entgegen. Im Garten einer kleinen Bar des Ortes bedanken wir uns schließlich bei einem kühlen Getränk bei unserem Wanderführer Miquel mit einem kleinen Präsent für die vorbildliche Organisation und Durchführung der Touren.

7. Tag: Laspuña

Laspuña mit unserer Herberge Casa Sidora ist ein kleines Bergdorf (ca. 350 Einwohner) am Rande des Ordesa- Nationalparks. Dass ich viel über Laspuña und die Menschen der Region erfahren habe, verdanke ich dem 82-jährigen Deutschen Erich Gieseler, dessen Schwiegertochter die Wanderreisen vermittelt. (www.pyrenaeenwandern.com) Seit mehr als 50 Jahren hat er hier seinen Zweitwohnsitz. Bei den abendlichen Spaziergängen im und um das Dorf erzählte er uns viel über das Leben der Menschen in den Pyrenäen und die Veränderungen in der Region. So wie auch in Laspuña haben viele Dörfer in der Nationalparkes von der Toursimusförderung durch die EU profitiert. Viele Kleinst-Dörfer sind nun aber auch verwaist.

 

pfeil li