Reisetagebuch E.H.

Hauptwanderung

Kompakt

 

Mit komplettem Reisegepäck fahren wir am Vormittag im Linienbus aus der stickigen Hauptstadt zur Endhaltestelle in 960m Höhe. Wir wandern zunächst auf der Fahrstraße, doch bald sind wir im feuchten Urwald, den dieses Hochplateau zwischen 1700m und 2300m Höhe bedeckt. Am späten Nachmittag erreichen wir unsere erste Hütte. Es ist feucht und recht kalt hier oben, aber unser Hüttenwirt versteht es, uns wieder auf Temperatur zu bringen.
An den nächsten vier Tagen steigen wir in die in die drei ca. 1000m tiefer liegenden Ringeinbrüche des ehemaligen Vulkans, bzw. überqueren deren Begrenzungen. Besonders eindrucksvoll ist der „Cirque de Mafate”, der faktisch von der Außenwelt abgeschnitten ist. Aus dem „Cirque de Cilaos” steigen wir dann zum höchsten Berg der Insel auf. Zunächst ca. 1400m bis zur Hütte „Caverne Dufour”, dann am nächsten Morgen nochmals 600m. Bei Sonnenaufgang stehen wir dann auf dem „Piton de Neiges” und genießen den Rundblick über Reunion. Anschließend steigen wir 2100m in den „Cirque de Salazie” ab. Im malerischer Ort Hell Bourg, dem vielleicht schönsten Ort der Insel, verbringen wir noch einen Tag und lassen bei schönstem Wetter die Seele baumeln.

8. Tag: St-Denis - Gîte Roche Ecrite (+855/-10 Höhenmeter)

Heute am Montag beginnt unsere Hauptwanderung. Doch vormittags ist noch Zeit für ein ordentliches Frühstück im Stadtzentrum und Besuch im Internet-Cafe, wo ich die Bilder der ersten Woche sichern kann.
Dann geht es mit Stadt- und Kleinbus bis zur Endstation „Le Brûlè” in 960m Höhe. Die Wanderstrecke folgt auf den nächsten Kilometern der Fahrstraße. Am letzten Rastplatz wird es dann interessant. Unser Weg führt nun durch einen wunderschönen Urwald mit Farnbäumen und vielen anderen ursprünglichen Gehölzen. In 1900m Höhe erreichen wir schließlich die Hüttenanlage mitten im Wald. Nach der Körperpflege - es gibt warmes Wasser - wandern wir noch zu einem Aussichtspunkt, wo wir jedoch nur schemenhaft den tief unten liegenden „Cirque Mafate” erkennen können. Am Abend dann das obligatorische Essen in der Hütte. Diesmal ist der Wirt jedoch recht mürrisch.

9. Tag: Gîte Roche Ecrite -Grand Îlet (+560/-1275 Höhenmeter)

Am Morgen ist - wie immer - phantastisches Wetter. Unser Wanderweg führt zunächst weiter durch den Regenwald. Doch bald wird es lichter, wir haben die Hochebene mit Hochmooren unterhalb des „Roche Ecrite” erreicht. Wir legen unsere Rucksäcke zur Seite und steigen auf den Gipfel (2276m). Heute haben wir gute Sicht in die beiden Kessel des „Cirque de Mafate” und „Cirque de Salazie”. Dann geht es wieder auf den Hauptweg zurück. Bald stehen wir vor der Abbruchkante in den Kessel. Die Gehölze in der Steilwand nehmen einen die Angst, denn auf kürzesten Weg geht es 1100m hinunter in den „Cirque de Salazie”.
In der Mittagszeit haben wir diesen Kanten gemeistert und erholen uns auf dem Rastplatz neben der Straße im Tal. Erholt laufen wir schließlich den Rest der Strecke auf der Straße zunächst hinunter dann aber hinauf zu dem größeren Dorf Grand Îlet.
Hier herrscht am Nachmittag noch viel Trubel. Wir nehmen unser Quartier auf einem Bauernhof in Besitz und schauen uns dann noch weiter in diesem quirligen Dorf um.
Das Spaghetti-Menü am Abend bereiten wir selbst, nach dem vielen Reis der Vortage kommt das gut an.

10. Tag: Grand Îlet - Aurère (+890/-1055 Höhenmeter)

Die erste Stunde der heutigen Tour führt noch durch das recht große Dorf.  Wir schauen in die Gärten, in denen viel Gemüse angebaut wird. Am Ortsende erreichen wir eine Touristenstraße, deren Asphaltbelag erst wenige Tage alt ist. In reichlich 1600m Höhe verlassen wir diese noble Straße.  Nach kurzer Rast  wandern wir nun in den Cirque de Mafate hinein. Auf einen wunderschönen Waldwanderweg geht es hinunter in den Grund. Mittags haben wir die ersten Häuser der kleinen Siedlung Îlet à Malheur erreicht. Ein tiefer Flusseinschnitt wird auf einer Brücke überquert. Es folgt ein letzter Anstieg von ca. 100m dann ist unser Tagesziel Aurère erreicht.Wir nehmen in der recht großzügigen Hütte unser Quartier ein. Dann schauen wir uns in der kleinen Siedlung um, die wie alle anderen hier im Cirque nur über Wanderwege bzw. Helikopter erreichbar ist. Die kleinen Hütten werden schon seit den 80-er Jahren über Photovoltaik mit Strom versorgt  In der kleinen Dorfschule sind auch am Nachmittag noch die Schulkinder zu sehen.
Am Abend dann das obligatorische Essen mit Reis, Carri und natürlich auch dem Rumtopf. Von unserer Wirtin, die hier im Dorf aufwuchs, erfahren wir einiges über das für uns unvorstellbare Leben  in der  abgeschnittenen Welt.

11. Tag: Aurère - Îlet des Orangers (+930/-865 Höhenmeter)

Vor dem Abschied fotografiere ich noch unsere nette Wirtin, leider trägt sie heute nicht ihre lustige Brille vom Vorabend. Dann verlassen wir den schönen Ort. Unser Tagesziel Îlet des Orangers ist nur ca. 4km Luftlinie entfernt, doch die Strecke ist wieder ‘gewürzt’.
Zunächst geht es 500m hinunter zur Flussbrücke. In einer engen Schlucht verlässt der „Riviere des Galets” hier den Cirque in nordwestlicher Richtung. Den Wanderweg entlang des Flusses meiden wir. (vielleicht zu kompliziert?) Also geht es wieder 150m hinauf und dann dann erst zum Fluss hinunter. Hier an der Flussquerung in ca. 350m Höhe wird dann ausgiebig gerastet. Am Nachmittag folgt der mühsame Aufstieg hinauf nach Îlet des Orangers, der westlichsten Siedlung im Cirque. Das Dorf ist durch den Tal-Einschnitt zweigeteilt, unser Quartier liegt auf der schönen östlichen Hochebene. Zum Essen müssen wir am Abend noch einmal durch den Grund auf die andere Seite hinüber.

12. Tag: Îlet des Orangers - Marla (+1375/-735 Höhenmeter)

In der Nacht und noch am Morgen regnet es - sehr ungemütlich bei Toilette außer Haus. Doch nach dem Start klärt sich der Himmel auf. Vom Dorf geht es zunächst 100m in engen Kehren in einen offen Grund hinunter. Von hier dann 400m zu einem Pass hinauf. Der obere Teil dieses Weges ist ein imposanter Canyon.
Diese Stelle wird auch erreicht, wenn man von dem Aussichtspunkt „Le Maido” in den Cirque de Mafate absteigt.
Nach dem wunderschönen Abschnitt durch den Wald folgt die kleine Siedlung „Roche Plate”, wo wir unsere Mittagsrast einnehmen.
Nach der Pause folgt ein lang gezogener Abschnitt - mit viel auf und ab - zum tief eingeschnittenen Hauptfluss des Cirque. Bald ist eine phantastische Wasserkaskade erreicht. Oberhalb der Kaskade können wir hier den Fluss queren, mein rechter Schuh wird allerdings geflutet.
Nach einem Abschnitt im breiten aber wild ausgewaschenen Tal wird ohne Probleme  der Fluss nochmals gequert.
Es folgen nun mühsame 800m Aufstieg, dann endlich sind wir in Marla angekommen. Wir beziehen sehr schöne Vierer-Wanderhütten. In unserer Neuner-Gruppe weist mir Uli - dank meines nassen Fußes - einen Soloplatz zu.
Im Laufe des Nachmittags wird die Hütte noch mit einer französischen Familie aufgefüllt. Mit Minimal-Englisch kann man sich jedoch akzeptabel verständigen.
Den nassen Schuh bekomme ich übrigens mit viel Zeitungspapier bis zum nächsten Tag auch wieder trocken.

13. Tag: Marla - Cilaos (+890/-1290 Höhenmeter)

Heute verlassen wir den wild romantischen „Cirque de Mafate”. Gleich hinter unseren Wanderhütten beginnt der extrem steile Weg hinauf zum Col du Taibit. Aus verschiedenen Höhen können wir auf das wunderschön liegend Marla und die dahinter liegenden Berge schauen.
Am Pass neben dem „Col du Taibit”  schauen wir letztmalig zurück und dann erstmalig in den „Cirque de Cilaos”, dem 3. Kessel um den „Piton de Neiges”.
Der Abstieg zur Straße hinunter ist nicht weniger steil, aber physikalisch bedingt weniger anstrengend. Am Rastplatz neben der Straße wird bei schönem Wetter ausgiebig gerastet.
Nach der Pause geht es weiter hinunter und bald ist eine Wasserkaskade in ca. 1000m Höhe erreicht. Auch hier lohnt es sich ein wenig auszuruhen, denn es folgen noch reichlich 300m Aufstieg zu einem Panoramaweg. Immer wieder kann man aus ca. 1300m Höhe hinunter auf die Bergstadt Cilaos schauen.
Doch plötzlich setzt starker Regen ein. In einer Kurve auf extrem glitschigen Basalt rutsche ich aus und sitze plötzlich in dem kleinen Bach. Durchfroren geht es hinunter nach Cilaos, beide Schuhe sind heute voll Wasser.
Im Ort steuere ich noch vor unserem Quartier das erste Café an, ziehe mich um, trinke heißen Tee und stärke mich. Später in unserer recht großen Rucksack-Herberge kann ich mich dann endgültig regenerieren. Über den warmen Wasserboilern werden auch bis zum nächsten Morgen Schuhe und Kleidung wieder trocken.

14. Tag: Cilaos - Caverne Dufour (+1430/-190 Höhenmeter)

Heute ist Sonntag und Cilaos scheint diese Sonntagsstimmung auch auszustrahlen. Wir schauen uns noch ein wenig im Ort um, doch dann wird es ernst.
Zunächst geht es hinauf in den Wald und mit viel auf und ab hinüber zum Parkplatz am Aufstieg zum „Piton de Neig”e. Zum Glück können wir Steilheit und Höhe der vor uns liegenden Wand wegen des dichten Bewuchses nicht erkennen.
In den nächsten Stunden geht es mühsam den Weg mit Hunderten von Kehren hinauf. Von Zeit zu Zeit bietet sich die  Sicht auf Cilaos an. Wie im Flugzeug wird der Ort immer kleiner.
Am frühen Nachmittag haben wir schließlich die obere Kante der Steilwand erreicht und wir erkennen bereits unser Tagesziel, die Hütte „Caverne Dufour”, die fast allen Besteigern des höchsten Berges Reunions als Basislager dient.
Vor und in der Hütte ist es empfindlich kalt. Wir richten uns in dem engen Zimmer ein. Das Duschen unter kaltem Wasser fällt sehr kurz aus. Dennoch genießen wir den Nachmittag hier in der Höhe mit den vielen anderen Bergfreunden. Unser Gipfel, der „Piton de Neiges”, ist nur Minutenweise zwischen den schnell ziehenden Wolken zu sehen.
Beim Abendessen der ca. 60 Gäste geht es laut zu, doch schnell zieht man sich zurück, denn Morgen ist für 4:15 Uhr Wecken angesagt.

15. Tag: Caverne Dufour - Piton de Neiges - Caverne Dufour - Hell Bourg (+675/-2145 Höhenmeter)

Gegen 1:30 Uhr herrscht große Aufregung im engen Zimmer. Diebe haben mehrer Rucksäcke, darunter auch meinen, aus dem Zimmer geholt, nach Wertsachen durchwühlt und wieder in den Raum geworfen. Ich büße bei der Aktion Bargeld - das man eigentlich am Körper haben müsste – und einige Sachen ein, doch Ausweise und Geldkarten werden aus dem Durcheinander wieder gefunden. Es wird uns schon in der Nacht klar, dass die Diebe aus der Jugendgruppe stammen müssen, die mit uns hier oben sind.
Beim Gipfelaufbruch gegen 5:30 Uhr sind wir natürlich ziemlich gerädert. Der 600m Aufstieg über steile Felsstufen muss zum großen Teil mit Stirnlampe begangen werden. Doch kurz nach dem Sonnenaufgang erreiche ich den Gipfel des
 „Piton de Neiges”. Mit vielen anderen genieße ich die phantastische Sicht in alle Himmelsrichtungen vom höchsten Berg der Insel.
Im Abstieg zur Hütte können wir die Schönheit der Landschaft unterhalb des Gipfels voll wahrnehmen.
Nach dem Frühstück packen wir endgültig die Rucksäcke und verlassen die höchste Berghütte der Insel mit zwiespältigen Gefühlen.
Zunächst geht es – bei schönstem Sonnenschein - über das flach abfallende Hochplateau. Dann stehen wir wieder vor einer Steilkante. In endlosen Kehren geht es von 2150m auf 1500m hinab. Es folgt eine relativ flache Passage durch den feuchten Regenwald. Bald sehen wir 300m unter uns Hell Bourg, unser Tagesziel. Der letzte Abstieg ist unkompliziert und bald stehen wir im vielleicht schönsten Dorf der Insel.
Unser Quartier ist ein altes kreolisches Haus, das geschmackvoll als Rucksack-Herberge umgebaut wurde. Wir schlafen unter dem Dach, tagsüber ist es hier heiß, doch nachts angenehm kühl. Um 20:00 Uhr liegen alle in den Betten.

16. Tag: Hell Bourg

Heute können wir die Seele baumeln lassen. Nach ausgiebigem Frühstück schaue ich mich vormittags im Ort um. Blüten und Früchte können in jedem Vorgarten bestaunt werden.
Dann folgt eine Pflichtaufgabe: Gemeinsam mit dem Leiter der Jugendgruppe, einem Savate-Box-Champion, zeigen wir auf der Gendarmerie im Ort den Diebstahl der vorletzten Nacht an.
Der Nachmittag wird dann wieder individuell zur Entspannung genutzt. Ich laufe ein wenig in die umliegenden Berge hinein, genieße aber auch den Kaffee an der Hauptstraße.
Zum Abendessen sind wir dann wieder alle vereint. Der Wirt kredenzt noch einmal ein typisches kreolisches Menü und auch der Wein darf an einem so schönem Abend nicht fehlen.

pfeil-li   pfeil-re